Tagebuch der Freude

„Das Gehirn wird so, wie und wofür man es mit großer Begeisterung benutzt“, sagt Gerald Hüther, der bekannte Hirnforscher.


Dabei ist es unwichtig, ob die Begeisterung durch die eigene Vorstellung (in Form von Erinnerungen, Imaginationen oder Phantasiebildern) oder durch ein reales Erlebnis in der Gegenwart ausgelöst wird.

Begeisterung bedeutet in diesem Zusammenhang „Gefühle mit großer Intensität“ - und diese können bekanntlich sowohl positiv als auch negativ sein. Je öfter ich ein bestimmtes Gefühl erlebe, desto mehr neuronale Netzwerke werden für die Wahrnehmung dieses Gefühls ausgebildet. Im Umkehrschluss heißt das, je mehr Nervenbahnen für diesen Gefühlszustand durch stetige Wiederholung vorhanden sind, desto leichter werden Dinge in der Umwelt von mir wahrgenommen, die diesem Gefühlszustand entsprechen. Das Ganze wirkt wie ein selbsterhaltendes System. Zuerst gab es intensive Gefühlserlebnisse, ausgelöst durch Reize im Außen, die die neuronalen Netzwerke entsprechend entstehen ließen. Durch Wiederholung wurden aus dünnen Nervenverbindungen dann Nervenautobahnen. Und die wirken wiederum wie Wahrnehmungsfilter, die meine Aufmerksamkeit vor allem auf die Dinge richten lassen, die den vorhandenen neuronalen Netzwerken entsprechen.

Wie bei einem Muskel, der mehr oder weniger benutzt wird, beeinflussen meine individuell ausgeprägten Nervenbahnen die  Wahrnehmung meiner Umwelt. Und bekanntlich verkümmern Muskeln immer weiter, je weniger man sie benutzt, bzw.  bauen sie sich auf, wenn ich sie trainiere.

Vereinfacht gesagt: Erlebe ich immer weniger glückliche Momente in meinem Leben über einen langen Zeitraum, werden die entsprechenden Nervenbahnen, die für diese Gefühlszustände zuständig sind, zurückgebildet. Dadurch wird meine Bereitschaft, in meiner Umgebung Auslöser für glückliche Momente wahrzunehmen, immer weiter herabgesetzt.

Das kann dazu führen, dass mir die Welt nur noch grau in grau erscheint und mir vor allem Mangelzustände und besorgniserregende Dinge ins Auge fallen. Den Blick auf die positiven Aspekte von Menschen, Situationen oder Erlebnissen zu richten, fällt mir dann zunehmend schwerer und kann mich gefühlsmäßig kaum noch erreichen, geschweige denn – begeistern.

Umso wichtiger ist es daher, die Fokussierung meiner Aufmerksamkeit auf positive Dinge zu schulen. Denn nur so ist es möglich, der eingeengten Wahrnehmung, wie sie auch für depressive Zustände typisch ist, entgegenzuwirken.

Natürlich geht es nicht darum, überfordernde Situationen zu bagatellisieren oder gar durch „positives Denken“ zu übertünchen. Sondern es geht darum, dem alltäglichen „den Teufel-an-die-Wand-malen“, dem „Katastrophen- „ und „Alles-oder-nichts-Denken“ die Stirn zu bieten. Es geht um die Denkmuster rund um die Betrachtungsweise, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist.

Im Folgenden möchte ich eine simple Methode vorstellen, um die Fokussierung auf das Positive im Leben wieder mehr in den Mittelpunkt der Wahrnehmung zu stellen:

Das Tagebuch der Freude

Das Tagebuch der Freude soll den negativen Denkmustern und den Negativ-Filtern entgegenwirken, um mittelfristig und bei regelmäßiger Anwendung,  positivere Gefühlszustände zu fördern.

Und so geht´s:

Nimm dir jeden Tag ein paar Minuten Zeit, um mindestens drei schöne Momente aufzuschreiben, die du an diesem Tag erlebt hast. Wie hast du dich gefühlt dabei? Halte auch diese Gefühle in deinem Tagebuch fest und versetze dich noch einmal in die Situation.

Es können kleine Momente sein, an die du dich erinnerst, z.B. der Spaziergang in der Sonne oder Blumen und Tiere, die dir aufgefallen sind. Oder positive Erlebnisse mit anderen Menschen sowie Erfolgserlebnisse, die du während des Tages hattest.

Um dem Ganzen den richtigen Rahmen zu geben, solltest du dir dafür eine schöne Kladde zulegen, die du vielleicht noch selbst gestalten möchtest. Es macht Sinn, dieses tägliche Ritual am Abend zu etablieren, um den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen und sich auf diese Weise vor dem Einschlafen in einen positiven Gemütszustand zu begeben.

Probiere es aus und erlebe selbst, wie sich hierdurch innerhalb weniger Wochen deine Wahrnehmung und dein Fokus im Alltag verändern.

 

Viel Spass!

 

 

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