Nützliches Wissen zur Entstehung und Verarbeitung von Traumata

Um zu verstehen, was ein Trauma ist und wie die menschliche Psyche es verarbeiten kann, ist es hilfreich, ein paar grundlegende Fakten aus der Hirnforschung zu kennen.

In diesem Zusammenhang möchte ich dir zwei wichtige Protagonisten vorstellen, die es erleichtern sollen, bestimmte Vorgänge im Gehirn besser zu verstehen:

 

Der Denker                           Der Hase

 

Der Denker:

Betrachtet die Dinge mit Abstand, denkt über eine Situation nach und kann sie reflektieren. Er kann auch Gefühle wahrnehmen, ist ihnen jedoch nicht hilflos ausgeliefert. Er ist in der Lage die Dinge, die passieren, in Worte zu fassen und Sprache zu verwenden, um sich die Welt zu erklären. Er steht für die Großhirnrinde im Großhirn mit ihren unglaublichen Verarbeitungskapazitäten und Reflexionsmöglichkeiten.

 

Der Hase:

Der Hase kann blitzschnell reagieren, flüchten und wenn er sich in die Enge getrieben fühlt, auch aggressiv um sich schlagen. Er handelt reflexartig. Wenn gar nichts anderes mehr geht, verfällt er in eine Schockstarre und wird völlig unbeweglich vor Schreck. Der Hase steht für die Vorgänge im limbischen System und in den unteren Hirnfunktionen. Dazu zählt die Alarmanlagenfunktion der Amygdala (Mandelkerne) sowie die Funktionen des Kleinhirns, des Hippocampus und des Hirnstamms, welche u.a. für unseren Bewegungsapparat verantwortlich sind und die Grundfunktionen Körpers steuern, wie Atmung, Herzschlag, Verdauung, Schlaf. Der Hase steht also im weitesten Sinne für unsere Instinkte und unsere unbewussten Körperfunktionen.

 

Der Denker und der Hase können ein unschlagbares Team bilden, wenn sie gut zusammenarbeiten. Dann greifen die unterschiedlichen Bereiche unseres Gehirns optimal ineinander und der Mensch auf alle Situationen angemessen reagieren und aus seinen Erfahrungen lernen.

 


Zusammenspiel zwischen Hippocampus und Großhirnrinde:

Informationen und Reize erreichen  den Hippocampus und werden an die Großhirnrinde weitergeleitet, wo sie verarbeitet und im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden.

Der Hippocampus ist jedoch sehr störanfällig. Er kann seine Arbeit nur erledigen, wenn sich das Nervensystem in einem entspannten Zustand befindet. Wenn starke negative Emotionen mit den eintreffenden Informationen verknüpft sind, kann der Hippocampus die Weiterleitung der Informationen in die Großhirnrinde nicht leisten. Ihr Speicher ist schnell voll.

Die Großhirnrinde hat die Aufgabe, alles  mit den bisherigen Informationen zusammenzuschalten und abzugleichen, damit es ein „logisches“ Ganzes ergibt. Je ungewöhnlicher oder gar widersprüchlicher die neu eintreffenden Informationen sind, desto länger benötigt die Großhirnrinde für diesen Abgleich. Die Archivfunktionen weisen dann Informationen zurück, wenn sie überlastet sind. Der Hippocampus legt sie dem Großhirn immer wieder erneut vor, was sich noch in seiner Zwischenablage befindet, so lange, bis alle Informationen verarbeitet sind. Dieses geschieht in Ruhephasen und im Schlaf. Es kann bedeuten, dass in diesen Entspannungsfenstern besonders „brisantes“ Material (immer wieder) vorgelegt wird. Das kann dazu führen, dass eine Person insbesondere in Phasen der Entspannung plötzlich Gefühle wie Anspannung, gedrückte Stimmung, Angst etc. verspürt, obwohl im Außen kein Anlass dazu besteht. Oder es kommt im Schlaf vermehrt zu Alpträumen.

 


Der Wechsel von Anspannung und Entspannung trainiert das Nervensystem

Alle körperlichen Prozesse haben die Arbeit des Hirnstamms zur Grundlage. Wenn die Rhythmen so eingestellt sind, dass alle Bereiche des Körpers und des Gehirns gut versorgt werden, dann arbeitet der alles optimal. Wenn diese Rhythmen nicht ausgeglichen sind, versuchen Körper und Psyche auf unterschiedliche Weise wieder einen Ausgleich herzustellen.

Rhythmen wie Atmung und Herzschlag spielen eine wichtige Rolle, um wieder zur Ruhe kommen zu können, wenn etwas Aufregendes passiert ist. Im Idealfall z.B. Baby diese Beruhigung in Form von Körperkontakt, sanftem Wiegen, beruhigenden Worten, Summen, Blickkontakt etc...

 

Das Stresstoleranzfenster

Das sog. Stresstoleranzfenster steht für die Bandbreite an Spannungs- und Erregungszuständen, die vom Nervensystem eines Menschen gut verarbeitet werden können. In diesem Bereich arbeiten die unterschiedlichen Hirnregionen optimal zusammen, so dass alle Reize, Wahrnehmungen und Eindrücke integriert und in der Großhirnrinde abgespeichert werden können.

Görges und Handtke nennen diesen Bereich „Ressourcenbereich“, und umschreiben damit das, „was ein Mensch leisten kann, wenn er auf alle Möglichkeiten von Körper und Geist optimal zugreifen kann.“  (Handtke, Görges, S. 42)

Befindet sich eine Situation, bzgl. ihrer Intensität innerhalb des Stresstoleranzfensters, also im „Ressourcenbereich“, ist der Mensch in der Lage zu lernen, die Spannung zu regulieren und zu tolerieren. Er ist mit seiner Wahrnehmung präsent, kann beobachten, was um ihn herum und im eigenen Köper passiert, kann mit anderen Menschen sprechen und in Kontakt sein und hat Zugang zum eigenen Selbstbild und zu den persönlichen Werten.

Im Stresstoleranzfenster sind alle Rhythmen des Körpers (Atmung, Herz-Kreislaufsystem, Hirnfrequenz, etc.) anpassungsfähig. Sie Schwingen mit, je nachdem, wie es der betreffenden Person geht und passen sich der Situation an. Der Mensch ist bei vollem Bewusstsein, die Körperwahrnehmung, die Selbstkontrolle und Lernfähigkeit, sowie Reaktion auf Veränderungen ist in diesem Zustand gegeben.

 

„Je jünger wir sind, desto mehr sind wir für eine innere Balance auf die Regulierung durch andere Menschen angewiesen. Wenn wir als Säugling eine angemessene Spannungsregulierung von außen erfahren, lernen wir, was der Körper braucht, um im Ressourcenbereich zu bleiben. So erlernen wir Selbstfürsorge, die wiederum Grundlage der Empathie anderen gegenüber ist.“ (Hantke, Görges, S.44)

 

Indem die erwachsenen Bezugspersonen die Spannungen des Kindes regulieren und seine Gefühlsreaktionen wahrnehmen, sie ernst nehmen und angemessen darauf reagieren (Sensitive Responsivität), kann sich beim Kind ein flexibles, schwingungsfähiges Nervensystem mit entsprechend weitem Stresstoleranzfenster entwickeln. Das Kind lernt, seine Körpersignale zu interpretieren, auszudrücken, später in Worte zu fassen und auf sie einzuwirken. Dies ist die Grundvoraussetzung, mit Bedürfnissen und Gefühlen, sowohl bei sich selbst, als auch bei anderen, angemessen und empathisch umgehen zu können.

Beim Neugeborenen ist das Stresstoleranzfenster noch sehr eng. Der kleine Mensch verträgt nur sehr wenig Spannung und kann sich in keiner Weise selbst regulieren. „Hunger, Kälte, das Fehlen von Kontakt der Haut, das nicht geborgene Gefühl im Raum, Schmerzen – all diese Gefühle entstehen übermächtig nach der Geburt und kennen keinen anderen Ausgleich als den von außen. Der Ressourcenbereich des Säuglings für das Verarbeiten von solch intensiven Körpererfahrungen, die ja nicht relativiert werden können, ist minimal.“ (Hantke, Görges, S. 43)

 

 Hier wird deutlich, wie sehr ein neugeborenes Kind emotional auf seine Bezugspersonen angewiesen ist, um sein Vertrauen in die Welt (dass jemand kommt und ihm hilft) zu entwickeln und im Sinne einer widerstandfähigen Psyche auszubilden. Dieser Prozess beginnt bereits im Mutterleib, wenn die Grundkonstellation für das kindliche Nervensystem angelegt wird. Ist die werdende Mutter während der Schwangerschaft trotz Aufregung in der Lage, regelmäßig zu entspannen, wird auch das Kind davon profitieren.

„Erst sehr langsam können wir unsere Anspannung selbst regulieren lernen, lange nur dadurch, dass wir andere zu Hilfe holen. Für uns selbst zu sorgen ist eine sehr späte Entwicklungsaufgabe, erst einmal sollten wir aus dem Kontakt schöpfen können. […] Spannung und Anspannung sind wesentliche Bestandteile dessen, was wir lernen. Jeder Satz und jede Zuwendung vermitteln sich auch dadurch, wie entspannt oder gestresst Stimme und Körper sind und wie damit Nähe und Distanz geregelt werden. Ein genervter Ton vermittelt eine ganz andere  Spannung, als eine Werbende. Ein hilfloses Wiegen auf dem Arm, in dem die eigene Überforderung und Angst präsent sind, erzeugt eine andere Spannung als eine freudige, offene Zuwendung. Nicht jeder Stress ist schädlich und einengend. Wenn ich gelernt habe, mit hohen Stresspegeln umzugehen und mich danach wieder zu entspannen, wird meine Bandbreite an Möglichkeiten groß sein, und ich kann mich auf unterschiedliche Umgebungen und zwischenmenschliche Situationen einstellen. […] Wir brauchen dafür die verlässliche Zuwendung und Fürsorge der Menschen um uns herum. Entlang ihrer körperlichen, gestischen, mimischen und stimmlichen Kommunikation mit uns lernen wir, uns selbst zu regulieren – und andere zu verstehen. Der Körper macht „Aussagen“. Wie diese beantwortet werden, was man also damit anfangen soll, erlernt ein Kind anhand dessen, wie es versorgt wird.“ (Hantke, Görges, S. 44 f)

Traumata aus hirnphysiologischer Sicht

Jeder Mensch entwickelt also im Laufe seines Lebens ein individuelles Stresstoleranzfenster. Wie weit sich dieses ausbildet, hängt ab von den Lebensbedingungen, die ein Mensch seit seiner Geburt vorgefunden hat. Einflussfaktoren sind u.a. die Bindungsqualitäten der frühen Bezugspersonen und wie diese in der Lage waren, sich selbst und das Neugeborene zu regulieren. Eine große Vielfalt an Reizen und auch herausfordernden Situationen können zur Ausbildung eines weiten Stresstoleranzfensters beitragen, wenn die Bezugspersonen in der Lage waren, Überforderungsreaktionen des Säuglings sofort zu erkennen und in der Lage waren, ihn zu beruhigen. Die stetige Wiederholung der Regulationsprozesse von Anspannung und Entspannung im Kontakt mit anderen Menschen schult das Nervensystem des heranwachsenden Kindes.

Hat ein Kind diese Erfahrung gemacht, ist es als Erwachsener später in der Lage, sich selbst und auch andere zu beruhigen, bzw. zu regulieren. Und auch im Erwachsenenalter kann sich das Stresstoleranzfenster aufgrund der Neuroplastizität des Gehirns immer noch weiter verändern. Das bedeutet, das Selbstregulation nachgelernt werden kann, z.B. in therapeutischen Prozessen. In jedem Fall ist dafür der zwischenmenschliche Kontakt, also eine positive Beziehungserfahrung förderlich, bzw. notwendig.

Bei Traumatisierungen hingegen handelt es sich um Erfahrungen, die durch ihre Intensität und verunsichernden und manchmal auch lebensbedrohlichen Charakter das Stresstoleranzfenster eines Menschen „sprengen“. Die Situation übersteigt das, was das Nervensystem aushalten kann. Betroffene kommen auch danach nicht wieder in einen vollendeten Entspannungszustand. Traumatisierte sprechen auch davon, dass nach dem Ereignis nichts mehr so ist, wie es vorher einmal war.

Hirnphysiologisch spricht man von einem Trauma, wenn die Situation, in dem Moment als sie geschah, nicht verarbeitet werden konnte und „wenn auch nachfolgend die körperlichen und vor allem sozialen Voraussetzungen nicht gegeben sind, um die Folgen zu integrieren.“ (Handtke, Görges, S. 56)

Das bedeutet, ob ein Mensch durch eine Situation traumatisiert wird oder nicht, hängt zum einen davon ab, wie flexibel sein Stresstoleranzfenster ist und ob unmittelbar nach der Gefahrensituation andere Menschen da waren, die sich um die Versorgung der körperlichen und seelischen Verletzungen kümmerten und so ggfs. für die Regulation des Nervensystems des betroffenen Menschen sorgen konnten - oder nicht.

 

Die Notfallreaktion- wenn der Körper alle Kräfte mobilisiert

Im Moment einer Bedrohung für Leib und Seele, reagiert das Nervensystem mit einer Notfallreaktion.

Es gibt drei Arten von Notfallreaktionen:

-         Kampf

-         Flucht

-         Abschalten: Schockstarre (einfrieren)/ bzw. Kollabieren (Apathie, Ohnmacht)

In der Fachliteratur sprich man auch von „Fight“,“Flight“ und „Freeze“. Diese Reaktionen sind grundsätzlich gesund und überlebenswichtig, da sie dafür sorgen, dass ein Mensch eine Gefahr wahrnimmt und auf sie reagiert, um sich zu schützen.

Was passiert auf physiologischer Ebene, wenn der Körper alle Kräfte mobilisiert?

“Die Notfallreaktion beeinflusst die Arbeit der Großhirnrinde, verändert die Grundspannung und beeinflusst die Zeitwahrnehmung. […] Alle Energie muss schnellstmöglich mobilisiert werden, um das Überleben zu sichern: Soll man fliehen, kämpfen, Schutz suchen? Erstarren, aufgeben, sich totstellen? Aber da ist keine Zeit zum Überlegen. – Glücklicherweise können wir auf alte Mechanismen zurückgreifen und haben, wie alle Säugetiere, ein wunderbar funktionierendes Notfallprogramm.“ (Handtke, Görges, S. 57)

Was dabei aussetzt, ist der logisch denkende Verstand, denn dieser „braucht viel Zeit, um Lösungen zu finden und Entscheidungen zu treffen. Wenn rasches Reagieren gefragt ist, ist das ein ernst zu nehmendes Hindernis. Wenn wir erst überlegen würden, ob wir vor dem heranschießenden Auto nach links oder rechts ausweichen sollen, wäre es wohl schon zu spät. Zum Weglaufen, Schreien, Zuschlagen oder Kollabieren benötigen wir keine Großhirnrinde.“ (Handtke, Görges, ebd.)

Hirnphysiologisch passiert bei einer Notfallreaktion (Kampf, Flucht oder „Freeze“) Folgendes: „Bei Bedrohung oder akuter Gefahr wird im limbischen System eine Umschaltung verursacht, die Amygdala schlägt jetzt Alarm. Das hat vielfältige hormonelle Veränderungen zur Folge und führt dazu, dass sich innerhalb kürzester Zeit alle Energie in den großen Muskeln – vor allem in den Armen und Beinen, den für Flucht und Kampf zuständigen Körperteilen – versammelt. Es geht jetzt ja darum, hart zuzuschlagen oder schnell wegzulaufen. Die Versorgung der Großhirnrinde, die für diese arterhaltenden Programme nicht gebraucht wird, wird heruntergefahren. Genauso geht es allen Funktionen, die zusätzliche Energie brauchen würden, wie Verdauung oder Temperaturregulation. Der Verdauungstrakt wird im Notfall entleert, das mindert auch den Ballast. Es geht ums Überleben, da wird Kraft gebraucht – kein Denken, keine Feinmotorik, keine Verdauung. Die Entleerung des Darms oder der Blase in Notfallreaktionen ist also keine individuelle Fehlleistung, sondern physiologische Vorbedingung dafür, dass ein höchstmögliches Energiepotenzial zur Sicherstellung des Überlebens vorhanden ist.

So haben wir nun ein Vielfaches dessen, was wir normalerweise an Kraft aufwenden könnten, zur Verfügung, um uns schnellstmöglich in Sicherheit zu bringen oder durch kräftiges Abwehrhandeln dafür zu sorgen, dass wir nicht weiter bedroht werden. Wir sind auf Kampf und Flucht eingestellt, und das bewusste Denken bleibt außen vor, es kann nicht oder kaum regulierend eingreifen. Was damit auch verbunden ist: Der Hippocampus, der Bibliotheksangestellte am Schalter unseres Gedächtnisses, nimmt alles Material an und muss die Informationen an seinem kleinen Tresen horten, weil er nichts in die Verarbeitungsregionen des Archivs in der Großhirnrinde weiterreichen kann. So sammelt sich sehr schnell sehr viel, was nicht geordnet ist und so auch nicht gut auffindbar schnell mal zur Seite gelegt wird. Ordnen ist jetzt nicht wichtig, es geht ums Handeln. Die Hauptverbindung zum kontrollierenden Verstand kann nachher wiedereingerichtet werden. Stattdessen laufen Herzschlag. Kreislauf, Atmung und muskuläre Anspannung auf Hochtouren – reguliert vom Hirnstamm. (Handtke, Görges, S. 60)

Damit sorgt der Hirnstamm als evolutionsbedingt älteste Hirnregion (auch Reptilienhirn genannt) dafür, dass „eine derartige Leistung möglich ist, ohne dass – im Regelfall – der Organismus zusammenbricht.“ (Handtke, Görges, ebd.)


Der Unterschied zwischen Notfallreaktion und Stress

„Stress ist eine Reaktion des Körpers auf den drohenden Verlust des inneren Gleichgewichts, auf eine Störung der inneren Rhythmen. Stress stellt Energie bereit, erhöht die Spannung. Eine leichte Stressreaktion führt zu einer Veränderung der Parameter von Atmung und Herzschlag, die Anspannung in den Armen und Beinen steigt an. Noch kann der Verstand regulieren, ist die Notfallreaktion nicht eingeläutet. Je höher die Anspannung, desto weniger differenziert fallen die Reaktionsmöglichkeiten aus: Man wird dann eher auf das zurückgreifen, was man schon vorher gut eingeübt hat. Die älteren, bewährten und weniger komplexen Reaktionsmuster aus Kindheit und Jugend werden aktiviert. Man stampft auf den Boden, knallt die Tür, wirft etwas durch die Gegend. Der Zugriff auf die planenden und kreativen oberen Hirnregionen ist eingeschränkt, aber potenziell noch möglich. Ist ein bestimmter Punkt dann überschritten – durch Plötzlichkeit oder das Gefühl von Hilflosigkeit und Lebensbedrohung, reagiert der Körper vollautomatisch und das Programm der Überlebenssicherung läuft ab – die Notfallreaktion. Im Ernstfall können wir nicht mehr auf die Steuerungsfunktion unserer Großhirnrinde zurückgreifen, ist ein bewusstes Eingreifen nicht mehr möglich. Wird dieser Punkt nicht überschritten, so reguliert die Stressreaktion den Körper in eine neue Balance und führt zu einer Erweiterung des Ressourcenbereichs. Stress, der sich auflösen kann, indem die Spannung abgeführt werden und positiv umgesetzt werden kann, dient der Selbstregulation des Körpers.“ (Handtke, Görges, S. 60 f)

 

Der Freeze-Zustand, wenn nichts mehr geht

-         Kampf und Flucht sind nicht möglich

-         Von außen kommt keine Rettung

-         Die innere Anspannung steigt immer weiter an

-         z.B. Turblenzen im Flugzeug, unübersichtliche Situation auf der Autobahn, bei einem unangenehmen Gespräch mit der Leitungsperson, wo Verteidigung und Flucht nicht sinnvoll sind,  bei einem Überfall …

-         der Körper wendet „Freeze“ als letztmögliche Überlebensstrategie, als „Überspannungsschutz“ an

-         Alle Funktionen des Organismus werden so weit wie möglich abgeschaltet

-         Problem: die aufgebaute Spannung kann sich nicht entladen (durch Kampf oder Flucht), d.h. sie bleibt im Körper eingesperrt

-         Der Körper friert die Spannung ein (Katatonie)

-         Der Körper ist erstarrt, ist starr vor Schreck oder fällt in Ohnmacht

-         Der Verstand bekommt das Geschehen evtl. noch mit, ist jedoch wie benebelt, kann nicht in das Geschehen eingreifen und hat keine Kontrolle über die Muskulatur

-         Je nachdem, welche Körperspannung der Organismus aushält (Stresstoleranzfenster), desto eher verfällt der Körper in den Freeze-Zustand

-         Der Sinn dahinter ist einerseits, dass auf diese Weise die innere Anspannung reduziert wird, indem der Körper einen Teil der Körpersysteme abschaltet, zum anderen kann dieser „Totstellreflex“ durchaus lebensrettend sein, denn ein lebloser Körper führt manchmal dazu, dass der Verfolger/ Täter vom Opfer ablässt.

-         Der Körper ist in diesem Zustand schmerzunempfindlich

-         Der „Denker“ (Neokortex/ Großhirn) ist in diesem Zustand nicht mehr mit den restlichen Hirnarealen verbunden.

-         Menschen, deren innere Beobachtungsgabe gut ausgeprägt ist, beschreiben, dass sie die Situation zwar wahrgenommen, aber sich nicht mehr verbunden und als Teil der Situation gefühlt haben, der Körper kann auch manchmal von außen gesehen werden, man beobachtet sich, sieht sein Leben an sich vorüberziehen, empfindet die Situation, als wäre man eine andere Person, die das Ganze von Außen erlebt (Schutzmaßnahme des Körpers vor Schmerz und Todesangst)

(s. Handtke, Görges, S.61)

 

Traumatisierungen (Entwicklungstraumata) durch sich wiederholende Notfallreaktionen

 

-         Durch wiederholte Vernachlässigungen und Misshandlungen in der frühen Kindheit

-         Durch fehlende Regulation des Säuglings/ des Kindes durch die Bezugspersonen

-         es kann später im Laufe des Heranwachsens und im Erwachsenenalter zu mangelhafter Selbstregulationsfähigkeit kommen

-         das Stresstoleranzfenster eines Menschen kann so eingeschränkt sein, dass Alltagsstress vom Nervensystem nicht oder nur eingeschränkt reguliert werden kann

-         Der Körper löst dann in Überforderungssituationen immer wieder erneut Notfallreaktionen aus, wie Kampf- und Fluchtreaktionen, sowie Vermeidung und Freeze-Zustände

 

Traumata als Folge unverarbeiteter Notfallreaktionen

 

In der Notfallreaktion, egal ob Kampf, Flucht oder Freeze kann der Denker nicht in das Geschehen eingreifen. Und noch etwas ist nicht möglich:  die Einordnung in Raum und Zeit.

Man spricht auch von „Fragmentierung“, denn die Situation wird in Fragmenten gespeichert. Charakteristisch ist, dass diese Fragmente nicht als „Erinnerung“ wahrgenommen werden können. Eine Zuordnung zur erlebten Vergangenheit als ein Ereignis, was vorbei ist und für die Gegenwart keine Bedeutung mehr hat, ist nicht möglich. Die Einordnung in Raum und Zeit durch den Neokortex/Großhirn hat noch nicht stattgefunden, obwohl das traumatisierende Ereignis in der Vergangenheit liegt.


Flashbacks und Trigger

Bei Flashbacks handelt es sich um unverarbeitete  Fragmente einer Notfallreaktion, die in Ruhephasen ins Bewusstsein treten oder während des Schlafes im Traum verarbeitet werden sollen. Es kann dabei zu häufigen Albträumen kommen, mit schreckhaftem Erwachen.

 

Das ist auch der Grund, warum es vielen traumatisierten Menschen erst einmal schlechter geht, sobald sich die Situation beruhigt hat und die Gefahrensituation im Außen vorbei ist. Erst jetzt werden die gravierenden Folgen der Ausnahmesituation im inneren Erleben spürbar. Viele traumatisierte Menschen vermeiden es daher, zu entspannen, zur Ruhe zu kommen und sich Stille, Alleinsein und reizarmen Situationen auszusetzen. Es kommt zu einen Getriebensein, immer in Bewegung, immer was zu tun, immer in Aktion sein. Hier liegen oft die Ursagen für Süchte, die als Ablenkungsstrategien für diese unangenehmen Gefühlszustände dienen sollen (Arbeitssucht, Sportsucht, Kaufsucht, Drogen- und Alkoholmissbrauch, Sexsucht, Beziehungssucht, Esssucht, Spielsucht, etc.) Gabor Maté sagt daher auch, dass es bei der Suchtbehandlung darum geht, danach zu fragen, woher der „Schmerz“ kommt, der nicht ausgehalten wird.

 

Es gibt einen weiteren Auslöser für Flashbacks, die sog. „Trigger“. Trigger sind Reize, die die betreffende Person an die Bedrohungssituation erinnern, die in der Vergangenheit das Notfallprogramm ausgelöst hat. Menschen werden „getriggert“, wenn ihnen „etwas begegnet, was Ähnlichkeiten mit dem alten Erlebten hat“. (Handtke, Görges, S. 67) Dann werden alle im Hippocampus gespeicherten Fragmente aktiviert, die in irgendeiner Weise mit der Situation aus der Vergangenheit in Beziehung stehen. Das führt dazu, dass die unverarbeiteten Gefühle und Wahrnehmungen noch einmal erlebt werden und zwar so, als würden sie jetzt gerade stattfinden.

 

Diese Reaktionen auf Trigger ist für das Verständnis von Trauma-Symptomen sehr zentral:

„In einer normalen Alltagssituation verbinden Sie Kaffeetasse, Sonne, Wetter und die Nachrichten aus der Zeitung vor Ihnen mit dem angenehmen Gefühl, dort zu sitzen […]. Sie nehmen unterschiedliche Dinge wahr und verknüpfen sie miteinander.“ (Hantke, Görges, ebd.)

Wenn sich diese harmonische Situation nun durch einen Überfall dramatisch verändert und die eben noch entspannte Person von Gefühlen wie Ohnmacht und Hilflosigkeit überwältigt wird, dann werden Kaffee, Sonne und die Nachrichten aus der Zeitung „in einer solchen Situation nicht miteinander verknüpft, sondern zu Trigger dafür, dass Gefahr droht […]. In der Folge reagiert der Hase in Ihnen (zukünftig- Anm.d.Verf.) auf das Klirren von Kaffeetassen oder die schräg stehende Sonne mit Panik“. (Hantke, Görges, ebd.) Der Hase schlägt Alarm und das damals in Gang gesetzte Notfallprogramm tritt in Kraft.

Da durch diese Reaktivierung des Notfallprogramms der Hippocampus erneut daran gehindert wird, die gespeicherten Fragmente an das Großhirn weiterzuleiten, bleibt die traumatische Situation unverarbeitet. Der/die Traumatisierte leidet weiter an den starken Emotionen und das Stresstoleranzfenster wird immer wieder von Neuem gesprengt. Es kommt zu sog. „Traumafolgestörungen“ , auch „Post-traumatischen Belastungsstörung (PTBS)“ genannt.

 

Dissoziation

 

Ein typisches Merkmal einer Posttraumatischen Belastungsstörung ist die Dissoziation. Es bedeutet im wörtlichen Sinne „auseinandernehmen“,“ nicht verbunden“, „sich von etwas distanzieren“ (vgl. Hantke, Görges, S. 73)

 

Von Dissoziation spricht man, wenn durch Trigger Notfallreaktionen aktiviert werden, die sich außerhalb des Stresstoleranzfensters befinden. Dissoziation oder dissoziiertes Verhalten meint sowohl Reaktionen oberhalb des Stresstoleranzfensters, mit Zuständen der Übererregung  als auch Reaktionen unterhalb des Ressourcenbereiches mit Untererregung. Wie in der folgenden Abbildung zu sehen, kann der „Freeze“-Zustand sowohl oberhalb (als Schockstarre) als auch unterhalb  (als Ohnmacht/Apathie) eintreten. Die betreffende Person hat dabei umso weniger Einfluss auf ihr Handeln, je mehr sich ihr innerer Spannungszustand außerhalb des Stresstoleranzfensters befindet.

 

Reaktionen/ Verhaltensweisen innerhalb und außerhalb des Stresstoleranzfensters

 

In der folgenden Abbildung sehen wir die Bandbreite an Reaktionen und Verhaltensweisen  innerhalb und außerhalb des Stresstoleranzfensters noch einmal etwas differenzierter dargestellt:

Quelle: https://www.dis-sos.com/stresstoleranz-und-lernfenster/

Mitte = Erregungszustand des Körpers bewegt sich innerhalb des Stresstoleranzfensters

Linke Seite = Untererregung/ Hypo-Arousal (Notfallreaktionen)

Rechte Seite = Übererregung/ Hyper-Aurousal (Notfallreaktionen)

 

Was diese Darstellung sehr schön veranschaulicht, ist, dass die Grenzen zwischen Stresstoleranz und Notfallreaktionen fließend sind. Es hängt immer auch von der aktuellen Lebenssituation und Tagesform eines Menschen ab, wie er/ sie auf eine potenziell traumatisierende Situation reagiert und wie sie verarbeitet wird. Genauso verhält es sich auch mit Triggersituationen.

Ein wesentliches Kriterium einer Post-Traumatischen Belastungsstörung ist, dass sich das Stresstoleranzfenster nach dem Trauma sehr stark verengt hat und auch eng bleibt. Denn der traumatisierte Mensch geht immer mehr in die Vermeidung, um potenzielle Triggersituationen nicht zu riskieren. Oft schränkt die traumatisierte Person ihren Bewegungsradius immer mehr ein, wie bei einer Angststörung. Außerdem besteht innerlich ein hohes Spannungsniveau durch das  unverarbeitete Trauma-Material, welches permanent im Unterbewusstsein gehalten werden muss. Das verbraucht sehr viel psychische Energie. Betroffene können dadurch permanent müde und erschöpft sein. Traumatisierte Menschen geraten daher bei alltäglichen Herausforderungen sehr leicht aus der Balance und an die Belastungsgrenze, auch bei Situationen, die vor dem Trauma locker gemeistert wurden. Nicht selten wird aufgrund dessen eine Depression diagnostiziert.


Das wichtigste Ziel von Traumatherapie und Traumapädagogik

Das zentrale Ziel von Traumatherapie/-pädagogik ist es daher, durch gezielte Interventionen, die auf das Nervensystem einwirken, das Stresstoleranzfenster der traumatisierten Person zu erweitern.

Kinder, die durch frühe und wiederholte Vernachlässigung ein enges „Window of Toleranz“ entwickelt haben, zeigen oft Verhaltensauffälligkeiten, deren Ursache die Notfallprogramme durch Triggersituationen sind.  Hier sollte es ebenfalls (u.a. in der Familientherapie und in Jugendhilfemaßnahmen) das Ziel sein, das Stresstoleranzfenster zu erweitern. Die Einbindung der Bezugspersonen ist hierbei Grundvoraussetzung, dass dies gelingen kann.

Wichtig ist außerdem, dass Pädagog*innen und Therapeut*innen über das Wissen verfügen, wie Traumata entstehen und wie sie behandelt werden können und sich entsprechend fortbilden. Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen, Therapeut*innen, Lehrkräfte etc. sollten wissen, wie man Trauma-sensibel mit potenziell traumatisierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (Eltern) umgehen sollte und was man Gutes bewirken kann, wenn man über dieses Wissen verfügt.

Quellenangaben:

Hantke, Görges: Handbuch Traumakompetenz

https://www.be-here-now.eu/

Gabor Maté: Im Reich der hungrigen Geiser. auf Tuchfühlung mit der Sucht

https://www.dis-sos.com/stresstoleranz-und-lernfenster/